„Das Glück ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt.“ (Albert Schweitzer)

Hallo ihr Lieben,

7.20 Uhr: mein Wecker klingelt und wie jeden Morgen drücke ich verschlafen auf „Schlummern“, doch nach dem Zweiten Mal kann ich mich überwinden aufzustehen. „Raus aus dem warmen Bett und ab unter die Dusche“, heißt es dann. Der Unterschied zwischen Bett- und Raumwärme ist hier extrem, da es nachts immer auf ca. 7C° abkühlt und wir auch keine Heizungen haben, was typisch für Bolivien ist. Im Bad muss ich, bevor ich den Hahn aufdrehe, den Warmwasserschalter umlegen. Doch anschließend kann ich nach einer warmen Dusche und einer Schüssel Müsli im Magen in den Tag starten.

Um ca. 8.30 Uhr laufe ich von unserer Wohnung zwei Querstraßen zum Micro. Meistens sind die ersten Lebewesen die mir dabei morgens begegnen Hunde. Hier gibt es unfassbar viele streunende Hunde, aber auch jede Familie hat ihre eigenen Hunde, die auf die Straße rausgelassen werden. So auch die zwei Hunde unserer Gastfamilie, von denen mich morgens immer einer zum Micro begleitet. Ehrlich gesagt muss ich sagen, waren mir Hunde schon in Deutschland suspekt und die Streuner hier sind oft unberechenbar und manchmal aggressiv, was es die Sache in der ersten Woche nicht leichter gemacht hat. Doch ziemlich schnell habe ich rausgefunden, welcher Hund wohin gehört und welcher normal tickt. Mittlerweile fallen sie mir gar nicht mehr richtig auf und große Bogen um die Hunde muss ich auch keine mehr schlagen.

An der Straße angekommen, an der mein Micro fährt, muss ich einfach warten, bis einer kommt und diesen mit der Hand anhalten. Micros, sind neben Taxis hier Transportmittel Nr. 1 und lassen sich gut mit den Bussen in Deutschland vergleichen. Doch Unterschiede gibt es schon: so sind es keine großen Busse, sondern Kleintransporter, bei denen in der Frontschutzscheibe ein Pappkarton klebt, auf welchem eine Nummer oder ein Buchstabe in einer entsprechenden Farbe steht. Diese zeigen die Linie und Fahrtrichtung an. Fahrpläne gibt es keine und sind auch nicht nötig, da die Micros ständig fahren und man immer eine Möglichkeit findet in einem vollen Micro Platz zu finden, sei es in der offenen Tür zu stehen und sich dabei mehr außerhalb als innerhalb des Micros zu befinden.

Um ca. 9.00 Uhr betrete ich dann mein Projekt, das Psicopedagogico (kurz: Psico). Am Eingang muss ich mich jeden Morgen in ein „Voluntarioheft“ schreiben, damit genau nachvollzogene werden kann, wer, wo, wann, wie lange da war. Mein Projekt ist extrem umfangreich, gut ausgerüstet und verteilt sich auf einer riesigen Fläche (hier klicken für mehr Infos: https://veraswanderlust.wordpress.com/mein-projekt/). Ich arbeite das kommende Jahr in der Pediatria. Die Kinder sind hier von ca. 0 bis 10 Jahre alt und haben verschiedene Behinderungen.

In der Pediatria angekommen, sind die Kids meist gerade fertig mit frühstücken und Zähne putzen und meine erste Aufgabe besteht darin, alle auf die entsprechenden Räume zu verteilen. Ich arbeite sowohl morgens, als auch mittags im Maternal 2 zusammen mit einer weiteren Betreuerin (Tia=Erzieherin). Insgesamt betreue ich 8 Kinder, von denen 4 intern da sind, das heißt, dass sie bei uns übernachten und 4 extern sind, das heißt, nur über den Tag da sind. Wie der Großteil der Kinder in der Pediatria, kann keins meiner Kinder reden, doch schon nach kurzer Zeit habe ich herausgefunden wer auf was wie reagiert. Eins ist mir dabei besonders aufgefallen, auf Musik reagieren alle Kinder mit großer Begeisterung. So singe ich mittlerweile deutsche Kinderlieder, oder die „do-re-mi-fa-so-Tonleiter“, welche auch hier vermittelt wird und welche die Kinder lieben. Neben dem Singen spiele ich wahnsinnig viel mit den Kindern, gehe mit ihnen in den Innenhof, massiere sie mit Massagebällen, puzzele, male oder nehme sie einfach in den Arm. Liebe, Zuneigung und Bewegung fordern die Kinder am meisten und ich gebe sie ihnen wahnsinnig gerne. Schon nach 6 Wochen kann ich sagen, dass mir meine Kinder total ans Herz gewachsen sind. Ihre Herzlichkeit, ihre Offenheit, ihr Lachen oder sie einfach glücklich zu sehen, all das ist unbezahlbar.

Um 11.15. Uhr gibt es Mittagessen. Für mich bedeutet das alle meine Kinder in Essensraum zu bringen und Lätzchen anzuziehen. Ca. die Hälfte der Kinder kann nicht alleine essen und so helfe auch ich jeden Mittag, Nachmittag und Abend beim Füttern. Zum ganz normalen Alltag gehören dazu Teller die durch die Gegend fliegen, weil nicht gegessen werden möchte, Kinder die sich weigern zu essen und denen dann die Nase zugehalten wird, Spuckgeräusche, da nicht alle Kinder ohne Problem schlucken können, Kinder, die am Tisch einschlafen und Sätze wie „Mach den Mund auf!“ oder „Setz dich auf deinen Stuhl“. Am Anfang war das für mich alles total ungewohnt, doch mit der Zeit gehört das einfach dazu und ist ganz normal. Bis auf das Nasezuhalten  und das dadurch Zwingen zum Essen, damit kann ich mich nicht anfreunden. Anschließend werden die Kinder alle in ihre Schlafräume gebracht, denn es ist Mittagsschlafzeit. Nachdem ich beim Wickeln und ins Bettbringen geholfen habe, beginnt meine Mittagspause, in der ich immer Heim fahre um etwas abschalten zu können.

Um ca. 15.00 Uhr beginnt dann der zweite Teil meines Arbeitstages. Die Schicht der Tias und Professoren wechselt jeden Tag um 13.00 Uhr. Kurz nachdem ich angekommen bin, gibt es auch schon wieder Tee. Für die Kinder bedeutet das eine Tasse Milch mit Brot, welches ab und zu mit Marmelade oder süßer Karamellcreme (Dulce de leche) bestrichen ist. Nachdem die Kinder alle fertig gefüttert sind gehen ich mit meiner Tia und den Kinder entweder raus, wir machen Übungen mit den Kindern oder spielen mit ihnen. Dabei geht es häufig darum die Sinne anzuregen. Fühlen, Hören, Sehen oder Spüren werden durch Massagebälle, weiche Stoffe, Musik, Rasseln, Tamburine, Singen, Spiegel, Verfolgungsübungen mit den Augen von Gegenständen oder Wind versucht anzusprechen. Dabei ist für mich besonders schön zu sehen, wenn die Kinder es genießen können, drauf ansprechen und sich z.B. im Spiegel erkennen. Ihr Lachen, ihre Freude beim draußen spielen, ihre Bewegungen, ihre Art mit mir zu kommunizieren, all das macht meine Arbeit wundervoll, berührt mich und zeigt mir den Sinn in meiner Arbeit.

Nach dem Abendessen und Zähneputzen werden alle Kinder wieder ins Bett gebracht und nachdem ich beim Fertigmachen geholfen habe, ist mein Arbeitstag zu Ende.

Nach meiner anfänglichen Begeisterung und Euphorie über die Arbeit in meinem Projekt, die Kinder, die Mitarbeiter und die Ausstattung wurde mir ziemlich schnell bewusst, dass ich meine Vorstellung von der Durchsetzung von mehreren Projekten an den Alltag der Kinder anpassen musste. Mir wurde bewusst, dass meine Aufgaben das nächste Jahr füttern, spielen und ins Bett bringen sind und spontan basteln, malen oder kleine Projekte eher weniger zu bewältigen sind, da nicht alle Kinder damit angesprochen werden können. Als mir das so richtig bewusst wurde, war ich wie vor den Kopf gestoßen und irgendwie hatte ich auch keine Ideen im Kopf, mit denen ich alle Kinder abholen konnte. Anders sein heißt aber nicht seltsam zu sein, nichts zu können oder in eine Schublade geschoben werden zu müssen. Alle meine Kinder sind auf ihre ganz eigene Art und Weise besonders und jeder hat seine eigene Sprache und Mittel zu zeigen wie es ihm gerade geht. Nach 7 Wochen in meinem Projekt, fällt mir manchmal gar nicht mehr auf, dass die Kinder nicht reden können oder nicht laufen können, denn sie finden andere Möglichkeiten zu kommunizieren oder sich zu bewegen. Nach vielen Stunden, die ich im Projekt und mit den Kindern verbracht habe, habe ich Stück für Stück  Ideen bekommen. Durch das Eintauchen in mein Projekt, meine Arbeit und die Welt der Kinder, ist mir die Idee gekommen einen Adventskalender für die Kinder zu machen. Vom 1. Bis zum 24. Dezember dürfen die Kinder jeden Tag einen Stern, eine Feder oder eine Perle aus einem Säckchen ziehen, die sie anschließend an ihr, von mir vorbereitetes, Grundgerüst eines Mobiles hängen. Am 24. Dezember hat dann jedes Kind als Weihnachtsgeschenk ein Mobile, welches dann über die Betten in den Schlafräumen gehängt wird. Auch hab ich Ideen von Fußabdrücken oder Kräuterschnecken, aber die Ideen müssen erstmal ausreifen, genau durchdacht und abgesprochen werden.

Ihr seht meine Arbeit macht mir wahnsinnigen Spaß und meine Kinder haben mit ihrer ganz besonderen und wundervollen Art mich total begeistert. Mit meinem kleinen Weihnachtsprojekt versuche ich, den Kindern etwas von dem zurückzugeben, was sie mir tagtäglich geben. GLÜCK.

Liebe Grüße, eure Vera.

 

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